Der esoterische "Marsch durch die Institutionen": Edu -
Kinestetik als pädagogische Wunderwaffe?
Es
war einmal vor gar nicht langer Zeit. Da trafen sich im Fitness - Studio zwei
gestresste Elternpaare, um ihren Erziehungsfrust abzuarbeiten. Das gemeinsame
Leid führte schnell zu einem intensiven Gespräch: "Also - die Kinder
heutzutage machen einen richtig fertig! - Was die alles wollen! - Und immer nur
Ansprüche stellen! - Aber wenn es darum geht, mal Leistung zu zeigen...! - Und
dauernd sind sie müde! Alles lascht sie an! - Im nächsten Augenblick dann
wieder werden sie zappelig, steigen überall drauf und fallen prompt wieder
runter! - Überhaupt: Motorisch völlig ungeschickt! - Konzentrieren können sie
sich überhaupt nicht mehr! Daran ist das Fernsehen schuld! - Die Schule
sowieso! Dort spielen sie nur noch! - Kein Wunder auch bei der bevorzugten Ernährung,
dem Fast Food! - Bockig sind sie! Man darf schon gar nichts mehr sagen! -
Rechtschreibung? Mathematik? Vergessen wir's! Das ist "nicht cool"! -
Alles haben wir schon versucht..."
So
ging es eine ganze Weile, während die Foltergeräte richtig heißliefen. Schließlich
mischte sich der (kinderlose!) Meister des Studios ein, dem seine Kunden leid
taten: "Ich habe von einem Zauberwichtel gehört, der kann euch helfen!
Gleich an der Corner gibt es seit neuestem den pädagogisches Wundershop "Edumiracle".
Dort bringen sie eure Kids mit einem revolutionären Knoffhoff wieder auf Zack -
voll cool, eh! Ganz gleich, was anliegt: Der Zauberwichtel macht mit euren Kids
ein paar Exercises, die den Energiefluss an den gehandicapten Stellen wieder
reparieren - und alles ist ok. Full service also. Viele
viele Gruftis, Eltern und sogar Lehrer, haben diese neue Zauberei schon
ausprobiert und sind happy!" (der
Leser möge die Wortwahl entschuldigen, ab so war es nun mal)
Und
so geschah es! Um ihren Kindern zu helfen, verzichteten die beiden Elternpaare
sogar auf einen Fitnessabend pro Woche, weil der Zauberwichtel natürlich auch
bezahlt sein wollte, und das nicht zu wenig. Aber dieses Opfer brachte man
schließlich gerne...
Ein
übertriebenes, wirklichkeitsfernes Märchen? Leider nicht! Gar Merkwürdiges
geschieht seit einiger Zeit im privaten und beruflichen Erziehungsbereich: Die
gesellschaftlich überall zu beobachtende Suche nach einfachen Antworten auf
komplexe Fragen hat auch die Pädagogik erreicht. Zahlreiche Lehrer und Eltern
sind den Sirenenklängen bereits gefolgt und verlassen teils euphorisch
gestimmt, teils sehr verunsichert ("Wo bin ich da bloß hingeraten?")
entsprechende "Fortbildungs"veranstaltungen, die bis vor einiger Zeit
sogar amtlich/ offiziell angeboten wurden. Das bayerische und das baden - württembergische
Kultusministerium gingen inzwischen auf Distanz, die schleswig - holsteinische
Bildungsministerin Gisela Böhrk strich Seminare zur Kinesiologie und zum
Neurolinguistischen Programmieren (NLP), weil "derartige Praktiken in der
Schule nichts zu suchen haben" (DER SPIEGEL 36/96, Seite 18).
Nichtsdestotrotz finden auf verbandlichen Ebenen weiterhin Veranstaltungen
statt, bieten zunehmend "Lernwerkstätten" und "LernberaterInnen"
entsprechende Praktiken für hilfesuchende Lehrer und Eltern an. Pädagogosche
Fachzeitschriften aller Gattungen (die vorzugsweise natürlich von besonders
engagierten, jungen Lehrkräften gelesen werden) jubeln unkritisch "kinesiologische
Übungen" als schnellwirkende Wundermittel hoch. Kritische Stimmen sind
zwar zu hören und zu lesen, doch lassen sich viele offensichtlich leiten vom
Satz: "Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen - umso
schlimmer für die Tatsachen!"
Was
wird versprochen?
In
der Verbandszeitschrift des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV),
der "Bayerischen Schule" erschien in Heft 9/1996 eine halbseitige
Einladung zu Veranstaltungen des Augsburger Instituts für AK - System One Brain.
Es handelte sich dabei nicht um eine (bezahlte) Werbeanzeige, sondern um einen
redaktionell übernommenen Text. Überschrift: "Abbau von Lernblockaden
- Lernen leichter gemacht!" Unter anderem wurden folgende Aussagen
gemacht: "Three In One Concepts ist eine Synthese aus Angewandter
Kinesiologie (Muskeltest), Verhaltensgenetik (Struktur/Funktionen) und
effektiven Streßabbau- und Integrationsmethoden. Dabei werden ständig neueste
Erkenntnisse aus Pädagogik, Psychologie, Neurologie, Physiologie,
Gehirnforschung sowie Ergebnisse eigener unabhängiger Studien mit einbezogen.
So bietet diese Methode Hilfe bei schulischen Problemen aller Art:
Konzentrationsschwierigkeiten, Legasthenie, Leistungsdruck,
Kommunikationsproblemen mit anderen Schülern und Lehrern, Prüfungsstreß und
Versagensängsten, Nervosität, Hyperaktivität, Antriebsschwäche, Problemen
bei Rechnen, Schreiben, Lesen, Buchstabieren, Auswendiglernen, Verständnis und
Rechtschreibung, Sprach-, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen und vielem mehr
(da fällt mir selbst nicht mehr viel mehr ein, obwohl ich jeden Tag draußen
an Schulen bin! d.Verf.). All diese Probleme werden nach der Erfahrung von
Three in One Concepts durch emotinalen Stress verursacht, der durch Angst,
Schmerz oder Selbstzweifel ausgelöst wird. Dieser emotionale Stress löst im
Gehirn in bestimmten Bereichen energetische Kurzschlüsse aus, wodurch diese
abschalten. So entstehen die sogenannten neurologischen "blinden
Flecken", die für die Lernblockaden verantwortlich sind. Mit Hilfe des Präzisionsmuskeltests
werden diese Blockaden genau erkannt und im Alter der Ursache durch das Arbeiten
mit effektiven Stressablösetechniken, dem Verhaltensbarometer, der Wissen der
Struktur/ Funktionen und mit optimalen Integrationsmethoden (z.B. Shifting und
Crosscrawl) sanft und mit großem Erfolg behoben. Die Anwendung dieser
Korrekturen sind zum Teil sehr einfach und können schon von Kindern problemlos
jederzeit durchgeführt werden. Durch die Auflösung des Stresses und der
Blockaden werden die neurologischen "blinden Flecken" im Gehirn
beseitigt. Die dominante und die alternierende Gehirnhemisphäre werden
integriert. Damit seht das Gehirn wieder in seiner Gesamtheit (One Brain) zur
Verfügung und kann so optimal genutzt werden: für Verständnis, Lernen und Gedächtnis...
Machen auch Sie Ihren Kindern, Schülern und nicht zuletzt sich selbst das Leben
leichter mit den einzigartigen und faszinierenden Möglichkeiten, die Three In
One Concepts bietet.".
Das
lange Zitat wird beim Leser dieses Artikels verschiedene Reaktionen auslösen,
je nachdem, ob er/sie Kinder im schulpflichtigen Alter hat. Mancher mag - wie
ich - Gänsehaut bekommen, wenn er sich vorstellt, dass Kinder von Lehrern
"diagnostiziert" und "therapiert" werden, die derart
obskure, aber verführerisch einfache Vorstellungen von Lernhemmungen u.ä. -
noch dazu auf amtlichen Fortbildungen - erhalten haben. Der Zauberwichtel ist
Wirklichkeit! Selbstverständlich hat auch jeder Lehrer, jede Lehrerin im
freiheitlichen demokratischen Staat das "Recht auf persönliche
Dummheit" (wie der Kommentator Josef Joffe in der Süddeutschen Zeitung am
24.8.96 in Bezug auf Scientology schrieb). In einem Leserbrief an die
"Bayerische Schule" (gegen einen Artikel des Verfassers) bestätigte
dann auch eine Kollegin: "Im Rahmen der Ausbildung im Three in One
Konzept löste sich nachhaltig: Meine Spinnenphobie, mein
Gefühl, häufig überlastet und gestresst zu sein, immer für alles
verantwortlich und an allem schuld zu sein, und, und, und...Kurz: Mein
Leben ist seitdem besser organisiert, stressfrei... und ich habe
mehr Energie..." (Hervorhebungen durch den Verf.). Dagegen ist nichts
zu sagen, solange im dienstlichen, schulischen Rahmen die Kinder nach den
allgemein anerkannten, an wissenschaftlichen Hochschulen gelehrten Erkenntnissen
erzogen und unterrichtet werden. Ideologisierungen und pseudowissenschaftliche
Experimente verbieten sich im sensiblen Erziehungsbereich. Dafür sollte
eigentlich auch die staatliche Schulaufsicht sorgen! J. Joffe schreibt dann auch
weiter (a.a.O.): "Im Zweifel gegen den Machtanspruch des Staates, muss das
Prinzip sein. Die Ausnahme ist die Fürsorgepflicht gegenüber Minderjährigen,
die den Verführern in die Fänge geraten."
Zur
Geschichte, der dahinterstehenden Idee, der Erklärung der Wirkung, der
Diagnoseform und der Behandlung in Bezug auf die Angewandte Kinesiologie (AK)
verweise ich auf das von der Stiftung Warentest herausgegebene Buch "Die
Andere Medizin" (1996, Seite 301 ff).
Thesenartig
fasse ich meine Kritik zusammen:
a)
Edu - Kinestetik ist ein Kuckucksei!
Die
Vorgehensweise kommt einem sehr bekannt vor, wenn man schon längere Zeit im
esoterischen - okkulten - sektenähnlichen Bereich tätig ist: Hilfesuchende,
verunsicherte Menschen werden mit verständnisvollen, einleuchtenden, sofort
durchführbaren, natürlichen, sanften, mühelosen, zeitgerechten,
erlebnisbetonten... Methoden eingefangen, um sie zunächst positiv emotional
einzustimmen. Ist die "Neu - Gier" erst einmal geweckt, bietet man
"Fortgeschrittenen - Kurse" an (zu ebenfalls fortgeschrittenen
Preisen), die zu einer höheren Erkenntnisstufe führen sollen. Neue Bedürfnisse
werden geweckt, die nur mit anderen Angeboten des gleichen Veranstalters
befriedigt werden können. Damit das nicht jeder auf eigene Faust machen kann,
schützt man diese Techniken urheberrechtlich.
Das
kommt Ihnen tatsächlich bekannt vor? Sie denken sofort an die aktuelle
Scientology - Diskussion? Natürlich kann man keinen direkten Vergleich zwischen
diesem destruktiven Kult und der Kinesiologie führen, auch wenn dort kultähnliche
Merkmale deutlich erkennbar sind. Interessenten werden zunächst darüber im
Unklaren gelassen, dass eigentlich eine handfeste esoterische Ideologie, eine
fernöstliche Vorstellung eines geheimnisvollen, nicht naturwissenschaftlich
nachweisbaren "Energieflusses" dahintersteckt. Es werden Zusammenhänge
zwischen Emotionen, bestimmten Muskeln und bestimmten Organen behauptet, die in
ihren Grundlagen von der chinesischen Medizin stammen. Auf dem Muskelwiderstand,
der durch Störungen des "Energieflusses" entstehen soll, beruht das
Diagnosesystem der Kinesiologie, der sehr frag - würdige "Armtest".
Nur - davon erfährt erst derjenige, der tiefer einsteigt, der weitere Kurse
bucht, der erhebliche Summen an Gebühren zahlt. Zunächst wird unter falscher
Flagge gesegelt mit einem blütenweißen Schaffell als Umhang.
Stutzig
machen auch (weil Parallelen zu... auf der Hand liegen) die zahlreichen,
wissenschaftlich - seriös klingenden Fantasienamen der Methoden und Vertreiber,
die alle dem gleichen, rechtlich geschützten Anbieter - Netzwerk entstammen:
Touch for Health (Heilen durch Berührung), Brain Gym (Lerngymnastik),
Physioenergetik, Energy Training, Energy Life Circle, Movement Dynamics,
Behavioral Kinesiologie, Psychologische Kinesiologie oder Kinsesiologisch -
Kybernetische Strategie (ein Programm zur Wirtschaftsberatung).
Mit
harmlosen, motivierenden, meditativen Bewegungs- und Lockerungsübungen wird
vordergründig so getan, als ob dies Kinesiologie sei. Dabei handelt es sich
allerdings um alten Wein, der ohne Skrupel in neue Schläuche verpackt wurde.
Diese gymnastischen Übungen gehörten vor 25 Jahren oft genug zum
Standardrepertoire vieler Lehrer in Bezug auf psychohygienische Auflockerung des
Unterrichts und funktionieren selbstverständlich auch ohne ideologischen
Hintergrund. Mit erstaunlichem Erfolg bemüht man sich, ein Markenbewusstein
beim pädagogischen Konsumenten zu erzeugen. Ähnlich wie bei: Nutella =
Schokobrotaufstrich, Tempo = Papiertaschentuch, Tesa = Klebestreifen usw.
versucht man zu erreichen, dass gymnastische Übungen mit Kinesiologie
gleichgesetzt werden. Das ist unredlich! Inzwischen lasse ich bei amtlichen
Fortbildungen zum Thema "Frag - würdige Strömungen in der Pädagogik"
(u.a. auch auf Regierungsebene für Seminarleiter und Schulleiter) die
Teilnehmer sieben gymnastische Übungen durchführen (um den Tagungsstress zu
mindern und die Mechanismen erfahrbar zu machen). Zwei davon stammen aus der Edu
- Kinestetik, die übrigen aus dem reichhaltigen Repertoire des früher als
"Zimmerturnen" bezeichneten "normalen" Bewegungsprogramms.
Ein Unterschied ist nicht erkennbar. Positive Wirkungen sind vorhanden, denn
diese Übungen tragen dazu bei, dass das Kind sich selbst und seinem Körper
Aufmerksamkeit schenkt, sich auf Bewegungen konzentriert, sich entspannt,
Sauerstoff tankt, das Gefühl hat, selbst zu handeln und sich selbst zu helfen
usw..
Verschwiegen
wird letztendlich auch, wieviel Geld man investieren sollte/ müsste, um die
erstrebenswerten Erkenntnishöhen zu erreichen. Nimmt man das aktuelle
Verzeichnis des deutschen Betreibers (des amerikanischen Mutterkraken) und
addiert, erhält man mühelos Beträge zwischen 15000.- und 20000.- DM!
b)
Edu - Kinestetik ist ein Windei!
Auffällig
ist, dass viele KollegInnen auf "Edu - Kinestetik - Trip" die mühsam
erkämpften Errungenschaften der wissenschaftlichen Lehrerausbildung ohne Zögern
über Bord werfen. Dies signalisiert natürlich auch das enorme Bedürfnis nach
hilfreichen, schnell wirksamen, einfach durchzuführenden Praktiken für den
schwierig gewordenen Schulalltag.
Im
Gegensatz zu anderen pädagogischen Neuansätzen (Freiarbeit, Projektunterricht,
Praktisches Lernen u.a.), die lernpsychologisch und pädagogisch abgesichert und
diskutabel sind, entpuppt sich der edu - kinestetische Untergrund als Treibsand.
Zusammenfassend gesagt handelt es sich um ein rein mechanistisches Denkmodell,
wenn zur Diagnose aus rein physiologischen Phänomenen auf psychische
Befindlichkeiten geschlossen wird. Dies gilt dann ebenfalls für den
"Therapiebereich", wenn man durch weitgehend monokausale Einwirkungen
auf Muskelspannungen eine Änderung von psychischen Dispositionen erreichen
will.
Auf
wackligen Füßen steht ebenfalls das verwendete, verführerisch einfache, aber
falsche hirnneurologische Bild (von der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften),
das nicht dem neuesten wissenschaftlichen Stand entspricht.
Zusammenfassend
kann man sagen:
-
Es handelt sich um eine esoterische Philosophie/ Ideologie: den Holismus (F.
Capra, M. Ferguson); dies wird dem Normalinteressenten kaum deutlich und scheint
selbst manchen Kritikern zu entgehen, die eine "weltanschauliche Neutralität"
bestätigen. Eine nur grobe Durchsicht der entsprechenden Prospekte des Verlags
für Angewandte Kinesiologie (VAK) müsste eigentlich jedem die Augen öffnen.
-
Irgendwelche Qualifikationen als Voraussetzung für die Ausbildung etwa zum
"kinesiologischen Lernberater" sind nicht erforderlich. Die
Esoterikpresse bietet dann auch entsprechende Kurse reichhaltig an. Um
"Lehrender" zu werden wird vor allem zunächst ein entsprechendes
finanzielles Polster benötigt. Später kommen die anfänglichen Auslagen durch
die zum Teil unverschämt hohen Kursgebühren der "Lernenden" leicht
wieder herein. Mittlerweile gibt es sogar einige LehrerInnen, die hauptberuflich
umgeschwenkt sind - sicher nicht zu ihrem finanziellen Schaden.
-
Die raffinierte Vermarktungsstrategie wird durch die Schaffung eines
Markenbewusstseins deutlich, die in der Übertragung des Wortes "Edu -
Kinestetik" etwa auf einfache Bewegungsübungen erfolgt. Auch in Büchern
von pädagogischen ErfolgsautorInnen findet man ein fast verschämtes Verstecken
der eigentlichen Hintergründe.
-
Die Persönlichkeiten des Lehrenden und "Behandelten" werden vernachlässigt.
Eine Anamnese (z.B. des Umfelds) findet nicht statt. "Therapiert" wird
das Kind als Einzelperson ohne Berücksichtigung z.B. sämtlicher häuslicher
Faktoren oder anderer Beziehungsprobleme (mit Lehrern oder Klassenkameraden).
Der erhobene Anspruch auf "Ganzheit" (ein wie "Energie"
ebenfalls missbrauchtes Modewort) wird dadurch eben nicht erreicht.
-
Die Köderung der Interessenten erfolgt mit altbekannten Bewegungsübungen, die
"einfachen gymnastischen Übungen entsprechen und deshalb das Körpergefühl
positiv beeinflussen können und entspannen. Auch die Konzentrationsfähigkeit
kann sich leicht bessern. Ob sie bei Leistungsschwäche, Entwicklungs- oder
psychischen Störungen helfen, ist fraglich." (Stiftung Warentest, .a.a.O.)
Dadurch wird eine immer tiefere Verstrickung in die Angebotspalette
monopolistisch vermarkteter Techniken erreicht; deutlich ist eine starke,
zentral gesteuerte Kommerzialisierung;
-
Unter Umständen erfolgt ein starker Realitätsverlust bei den Konsumenten bis
hin zu pathologischen Zügen;
-
Eine starke Abhängigkeit des Konsumenten vom Anbieter ("Gurutum")
bzw. der Technik kann entstehen.
-
"Die Muskeltestung ist rein subjektiv und kann manipuliert werden. Die
wechselnde Muskelspannung ist abhängig von der psychischen Stimmung und der
suggestiven Beziehung zwischen Helfer und Patient. Weder der Test noch seine
Interpretationen sind standardisiert. Es gibt bis heute keine wissenschaftliche
Dokumentation darüber, ob der Test wirklich herausfinden kann, was behauptet
wird... Dagegen haben zwei Kontrollstudien, die in amerikanischen Kliniken
durchgeführt wurden, und eine deutsche Studie keine der behaupteten Zusammenhänge
entdecken können. Fazit der Harvard - Universität: "Angewandte
Kinesiologie erweckt den Eindruck eines Salontricks."" (Stiftung
Warentest, a.a.O.)
-
Es herrscht eine starke Immunisierungstendenz bzw. rigorose Abwehrhaltung gegenüber
Kritikern; Merkmale sektenähnlicher/ kultähnlicher Vereinigungen sind auch
hier erkennbar.
-
Die grundlegenden Behauptungen zur Gehirnphysiologie stimmen nicht mit den
gegenwärtigen Erkenntnissen überein. Teilweise wurde unzulässig verfälscht
bzw. vereinfacht;
-
Die Hauptgefahr besteht nicht darin, was getan, sondern was unterlassen
wird!
c)
Edu - Kinestetik ist ein faules Ei!
Bezeichnend
ist, dass eine gewisse "Gläubigkeit" in die Methode vorausgesetzt
wird. Gegenüber Kritikern verhält man sich nicht so, wie es eigentlich im
gesamten pädagogischen Bereich bislang üblich war, nämlich in Form einer
sachlichen, argumentativen Diskussion. Vielmehr wird (Parallelen bieten
sich an zu ...) sofort in einen persönlichen Angriff übergegangen, der
insgesamt unterstellt, dass man eben noch nicht den erforderlichen
Erleuchtungsgrad erreicht hat, um sich ein Urteil über... erlauben zu können,
dass man Superrationalist und Wissenschaftsfanatiker sei, der nicht aus seinem
"Vernunftkorsett" ausbrechen könne. Wie sagte schon Cicero?
"Wenn du keine guten Argumente hast - greife deinen Kritiker an!"
Inzwischen habe ich von geradezu unglaublichen, aber leider wahren Fällen von
Mobbing in Lehrerkollegien gegen SkeptikerInnen bezüglich der Edu - Kinestetik
erfahren.
Undenkbar
war bislang auch ein handelsrechtlicher Schutz einer pädagogischen Methode!
Fazit
der Stiftung Warentest (a.a.O): "Empfehlung: Angewandte Kindesiologie kann
als Diagnosemethode nicht empfohlen werden. Auch Edu - Kinestetik und verwandte
Verfahren können nicht empfohlen werden."
Letztlich
können selbstverständlich die für die jetzigen schulischen Verhältnisse
Verantwortlichen nicht aus der Pflicht genommen werden. Wie HEMMINGER (1996)
richtig schreibt: "Fachpsychologisch kann die Methode (die Edu - Kinestetik,
d. Verf.) weder als theoriefähig gelten noch therapeutisch ernstgenommen
werden, doch sie breitet sich als nichtfachliche Alternativmethode zur Zeit
unter Lehrern und Heilpraktikern rasant aus. Der Grund liegt wohl darin, dass
die Kinesiologie die komplexen pädagogischen und psychologischen Probleme des
heutigen Schulunterrichts überschaubar macht und einfache Handlungsweisungen
vermittelt. Dadurch werden Zweifel an der eigenen Kompetenz behoben und
zumindest subjektiv Handlungsfähigkeit erzeugt. Dass immer mehr Lehrer zu
solchen Mitteln greifen, sollte von Fachleuten icht belächelt werden. Der
Vorgang weist uns darauf hin, welche Belastungen wir den Lehrern zumuten, die
soziale Probleme unserer Gesellschaft und deren psychischen Folgen ständig im
Klassenzimmmer reparieren müssen."
Literatur:
FEDERSPIEL
K./ LACKINGER KARGER I.: Kursbuch Seele; Köln 1996
HEMMINGER
Hansjörg: Aktuelle Trends auf dem Sekten- und Psychomarkt, in: GROSS W.
(Hrsg.): Psychomarkt - Sekten - Destruktive Kulte; Bonn 1996
HUND
W.: Ein merkwürdiges Ei im pädagogischen Nest: Edu - Kinestetik; in:
Bayerische Schule, Heft 4/1997
STIFTUNG
WARENTEST: Handbuch: Die Andere Medizin - Nutzen und Risiken sanfter
Heilmethoden; Berlin 1996
Nach
Fertigstellung des Manuskripts erschien der lange erwartete Arbeitsbericht Nr.
290 des bayerischen Staatsinstituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung
(ISB, Arabellastr. 1, 81925 München). Das ISB “macht die Erkenntnisse der
Forschung und die Erfahrungen der Praxis für die Schule nutzbar und unterstützt
das Bayerische Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst
bei der Weiterentwicklung des bayerischen Schulwesens. Zu seinen Aufgaben gehören
neben der Förderung der pädagogischen Arbeit der Schulen unter anderem die
Erarbeitung von Lehrplänen, die Begleitung von Schulversuchen sowie die
Untersuchung von Auswirkungen bildungspolitischer Maßnahmen.” (Impressum des
Arbeitsberichts)
Veröffentlichungen
dieser staatlichen Einrichtung genießen traditionell ein hohes Ansehen aufgrund
der fundierten Verbindung zwischen pädagogischer Theorie und Praxis.
Nach
einer ausführlichen Schilderung des thematischen Hintergrunds und der
Entwicklung von Angewandter Kinesiologie (AK) und Edukinesiologie (EDU - K), der
Darstellung der Methode sowie des wissenschaftlichen Hintergrunds erfolgt die
Kritik, die in folgendem Fazit endet (S 56):
“Ansatz
und Methoden der Edukinesiologie haben von der Angewandten Kinesiologie einzelne
Aspekte wie den ganzheitlichen Ansatz, den Energiebegriff, Kenntnisse über
Meridiansysteme, bestimmte Reflexpunkte etc. übernommen. Diese “Grundlagen”
der östlichen Medizin werden wie Versatzstücke willkürlich mit Begriffen der
Neurophysiologie vermischt. Den Erkenntnissen der Neurophysiologie und
Neuropsychologie, den für die Erklärung von Lernprozessen wichtigen
Wissenschaftsbereichen, wird man damit nicht gerecht. Das Gebäude der
Edukinesiologie läßt sich insgesamt nicht als stimmige Theorie bezeichnen. Darüber
hinaus ist auch die Anwendung der Methoden nicht systematisch.
Befremdend
ist außerdem die Art und Weise, wie die Methode derzeit, in Verbindung mit
nicht immer seriösen Vermarktungsstrategien, Verbreitung erfährt und bei
Betroffenen nicht erfüllbare Hoffnungen weckt.
Lehrer
müssen heute verstärkt nach ganzheitlichen, handlungs- und
erlebnisorientierten und die Bewegung einbeziehenden Methoden suchen und sie im
Unterricht anwenden. Dies ist ein schwieriges und unterstützenswertes
Unterfangen. Esoterisches Gedankengut und simplifizierende Methoden unter dem
Deckmantel einer “praktischen Pädagogik” sind dafür kein Ersatz.”
Als
Anlage werden dem Arbeitsbericht zwei Gutachten der Universität München zu den
neurologischen Grundlagen der EDU - K beigegeben. Zusammenfassende Auszüge
daraus:
“Insgesamt
kann daher von einer wissenschaftlichen Begründung der Methode im
neuropsychologischen oder neurophysiologischen Bereich nicht die Rede sein. Es
wird aber durch den Rückgriff auf entsprechende Ausdrücke und die
Behauptungen, daß man wisse, wie das Gehirn funktioniere, dieser Anspruch
erhoben und dem Leser zu suggerieren versucht.” (apl.
Prof. Dr. med. H. Amorosa, Heckscher -
Klinik München, Fachklinik für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie des
Kindes- und Jugendalters)
"...Die
Annahme so simpler Kausalzusammenhänge wie der Muskeltest und die Anschaltung
zentralnervöser Vorgänge bzw. Hirnregionen sie suggerieren, liegt außerhalb
jeden Verständnisses für die komplexe Organisation der Hirnleistung... In dem
. Muskeltest liegen erhebliche Gefahren der subjektiven Interpretation...Die
Darstellungen des Autors sind neurologisch und physiologisch unhaltbar. Sie
stellen eine derartige Simplifizierung und Verfälschung der Vorgänge des
zentralen Nervensystems ... dar, dass die Aufnahme so erklärter diagnostischer
Techniken zum Umgang mit
Kindern
in hohem Maße beunruhigen muß. Wie in vielen vergleichbaren Angeboten wird
auch in der Edu - Kinestetik die einfache, mechanistische Vorgehensweise einer
therapeutischen Intervention mit eingängigen Begriffen aus Philosophie,
Psychologie und Esoterik verbunden....
Die
Lösung für die Probleme der Kinder kann nicht von den Lehrern erwartet werden.
Sie ist eine Aufgabe der Gesellschaft...Mit dem hier vorgegebenen Denken und Tun
werden Menschen erzogen, die An- und Abschalten (...analog der Funktion
elektrischer Geräte vorzustellen) als Lösung für Probleme verstehen lernen...
Gleichzeitig erlebt sich das Kind durch diese Manipulation als behandlungsbedürftig
und nicht in Ordnung...” (Dr. B. Ohrt, Leiterin des Zentrums für
Entwicklungsneurologie und Frühförderung der Kinderklinik der Universität München).
(der Artikel erschien - etwas geändert - im SKEPTIKER Heft 1/1998, dem
Organ der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von
Parawissenschaften e.V." (GWUP)