Wolfgang Hund

 

Der esoterische "Marsch durch die Institutionen": Edu - Kinestetik als pädagogische Wunderwaffe?

Es war einmal vor gar nicht langer Zeit. Da trafen sich im Fitness - Studio zwei gestresste Elternpaare, um ihren Erziehungsfrust abzuarbeiten. Das gemeinsame Leid führte schnell zu einem intensiven Gespräch: "Also - die Kinder heutzutage machen einen richtig fertig! - Was die alles wollen! - Und immer nur Ansprüche stellen! - Aber wenn es darum geht, mal Leistung zu zeigen...! - Und dauernd sind sie müde! Alles lascht sie an! - Im nächsten Augenblick dann wieder werden sie zappelig, steigen überall drauf und fallen prompt wieder runter! - Überhaupt: Motorisch völlig ungeschickt! - Konzentrieren können sie sich überhaupt nicht mehr! Daran ist das Fernsehen schuld! - Die Schule sowieso! Dort spielen sie nur noch! - Kein Wunder auch bei der bevorzugten Ernährung, dem Fast Food! - Bockig sind sie! Man darf schon gar nichts mehr sagen! - Rechtschreibung? Mathematik? Vergessen wir's! Das ist "nicht cool"! - Alles haben wir schon versucht..."

So ging es eine ganze Weile, während die Foltergeräte richtig heißliefen. Schließlich mischte sich der (kinderlose!) Meister des Studios ein, dem seine Kunden leid taten: "Ich habe von einem Zauberwichtel gehört, der kann euch helfen! Gleich an der Corner gibt es seit neuestem den pädagogisches Wundershop "Edumiracle". Dort bringen sie eure Kids mit einem revolutionären Knoffhoff wieder auf Zack - voll cool, eh! Ganz gleich, was anliegt: Der Zauberwichtel macht mit euren Kids ein paar Exercises, die den Energiefluss an den gehandicapten Stellen wieder reparieren - und alles ist ok. Full service also. Viele viele Gruftis, Eltern und sogar Lehrer, haben diese neue Zauberei schon ausprobiert und sind happy!" (der Leser möge die Wortwahl entschuldigen, ab so war es nun mal)

Und so geschah es! Um ihren Kindern zu helfen, verzichteten die beiden Elternpaare sogar auf einen Fitnessabend pro Woche, weil der Zauberwichtel natürlich auch bezahlt sein wollte, und das nicht zu wenig. Aber dieses Opfer brachte man schließlich gerne...

Ein übertriebenes, wirklichkeitsfernes Märchen? Leider nicht! Gar Merkwürdiges geschieht seit einiger Zeit im privaten und beruflichen Erziehungsbereich: Die gesellschaftlich überall zu beobachtende Suche nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen hat auch die Pädagogik erreicht. Zahlreiche Lehrer und Eltern sind den Sirenenklängen bereits gefolgt und verlassen teils euphorisch gestimmt, teils sehr verunsichert ("Wo bin ich da bloß hingeraten?") entsprechende "Fortbildungs"veranstaltungen, die bis vor einiger Zeit sogar amtlich/ offiziell angeboten wurden. Das bayerische und das baden - württembergische Kultusministerium gingen inzwischen auf Distanz, die schleswig - holsteinische Bildungsministerin Gisela Böhrk strich Seminare zur Kinesiologie und zum Neurolinguistischen Programmieren (NLP), weil "derartige Praktiken in der Schule nichts zu suchen haben" (DER SPIEGEL 36/96, Seite 18). Nichtsdestotrotz finden auf verbandlichen Ebenen weiterhin Veranstaltungen statt, bieten zunehmend "Lernwerkstätten" und "LernberaterInnen" entsprechende Praktiken für hilfesuchende Lehrer und Eltern an. Pädagogosche Fachzeitschriften aller Gattungen (die vorzugsweise natürlich von besonders engagierten, jungen Lehrkräften gelesen werden) jubeln unkritisch "kinesiologische Übungen" als schnellwirkende Wundermittel hoch. Kritische Stimmen sind zwar zu hören und zu lesen, doch lassen sich viele offensichtlich leiten vom Satz: "Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen - umso schlimmer für die Tatsachen!"

Was wird versprochen?

In der Verbandszeitschrift des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), der "Bayerischen Schule" erschien in Heft 9/1996 eine halbseitige Einladung zu Veranstaltungen des Augsburger Instituts für AK - System One Brain. Es handelte sich dabei nicht um eine (bezahlte) Werbeanzeige, sondern um einen redaktionell übernommenen Text. Überschrift: "Abbau von Lernblockaden - Lernen leichter gemacht!" Unter anderem wurden folgende Aussagen gemacht: "Three In One Concepts ist eine Synthese aus Angewandter Kinesiologie (Muskeltest), Verhaltensgenetik (Struktur/Funktionen) und effektiven Streßabbau- und Integrationsmethoden. Dabei werden ständig neueste Erkenntnisse aus Pädagogik, Psychologie, Neurologie, Physiologie, Gehirnforschung sowie Ergebnisse eigener unabhängiger Studien mit einbezogen. So bietet diese Methode Hilfe bei schulischen Problemen aller Art: Konzentrationsschwierigkeiten, Legasthenie, Leistungsdruck, Kommunikationsproblemen mit anderen Schülern und Lehrern, Prüfungsstreß und Versagensängsten, Nervosität, Hyperaktivität, Antriebsschwäche, Problemen bei Rechnen, Schreiben, Lesen, Buchstabieren, Auswendiglernen, Verständnis und Rechtschreibung, Sprach-, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen und vielem mehr (da fällt mir selbst nicht mehr viel mehr ein, obwohl ich jeden Tag draußen an Schulen bin! d.Verf.). All diese Probleme werden nach der Erfahrung von Three in One Concepts durch emotinalen Stress verursacht, der durch Angst, Schmerz oder Selbstzweifel ausgelöst wird. Dieser emotionale Stress löst im Gehirn in bestimmten Bereichen energetische Kurzschlüsse aus, wodurch diese abschalten. So entstehen die sogenannten neurologischen "blinden Flecken", die für die Lernblockaden verantwortlich sind. Mit Hilfe des Präzisionsmuskeltests werden diese Blockaden genau erkannt und im Alter der Ursache durch das Arbeiten mit effektiven Stressablösetechniken, dem Verhaltensbarometer, der Wissen der Struktur/ Funktionen und mit optimalen Integrationsmethoden (z.B. Shifting und Crosscrawl) sanft und mit großem Erfolg behoben. Die Anwendung dieser Korrekturen sind zum Teil sehr einfach und können schon von Kindern problemlos jederzeit durchgeführt werden. Durch die Auflösung des Stresses und der Blockaden werden die neurologischen "blinden Flecken" im Gehirn beseitigt. Die dominante und die alternierende Gehirnhemisphäre werden integriert. Damit seht das Gehirn wieder in seiner Gesamtheit (One Brain) zur Verfügung und kann so optimal genutzt werden: für Verständnis, Lernen und Gedächtnis... Machen auch Sie Ihren Kindern, Schülern und nicht zuletzt sich selbst das Leben leichter mit den einzigartigen und faszinierenden Möglichkeiten, die Three In One Concepts bietet.".

Das lange Zitat wird beim Leser dieses Artikels verschiedene Reaktionen auslösen, je nachdem, ob er/sie Kinder im schulpflichtigen Alter hat. Mancher mag - wie ich - Gänsehaut bekommen, wenn er sich vorstellt, dass Kinder von Lehrern "diagnostiziert" und "therapiert" werden, die derart obskure, aber verführerisch einfache Vorstellungen von Lernhemmungen u.ä. - noch dazu auf amtlichen Fortbildungen - erhalten haben. Der Zauberwichtel ist Wirklichkeit! Selbstverständlich hat auch jeder Lehrer, jede Lehrerin im freiheitlichen demokratischen Staat das "Recht auf persönliche Dummheit" (wie der Kommentator Josef Joffe in der Süddeutschen Zeitung am 24.8.96 in Bezug auf Scientology schrieb). In einem Leserbrief an die "Bayerische Schule" (gegen einen Artikel des Verfassers) bestätigte dann auch eine Kollegin: "Im Rahmen der Ausbildung im Three in One Konzept löste sich nachhaltig: Meine Spinnenphobie, mein Gefühl, häufig überlastet und gestresst zu sein, immer für alles verantwortlich und an allem schuld zu sein, und, und, und...Kurz: Mein Leben ist seitdem besser organisiert, stressfrei... und ich habe mehr Energie..." (Hervorhebungen durch den Verf.). Dagegen ist nichts zu sagen, solange im dienstlichen, schulischen Rahmen die Kinder nach den allgemein anerkannten, an wissenschaftlichen Hochschulen gelehrten Erkenntnissen erzogen und unterrichtet werden. Ideologisierungen und pseudowissenschaftliche Experimente verbieten sich im sensiblen Erziehungsbereich. Dafür sollte eigentlich auch die staatliche Schulaufsicht sorgen! J. Joffe schreibt dann auch weiter (a.a.O.): "Im Zweifel gegen den Machtanspruch des Staates, muss das Prinzip sein. Die Ausnahme ist die Fürsorgepflicht gegenüber Minderjährigen, die den Verführern in die Fänge geraten."

Zur Geschichte, der dahinterstehenden Idee, der Erklärung der Wirkung, der Diagnoseform und der Behandlung in Bezug auf die Angewandte Kinesiologie (AK) verweise ich auf das von der Stiftung Warentest herausgegebene Buch "Die Andere Medizin" (1996, Seite 301 ff).

Thesenartig fasse ich meine Kritik zusammen:

a) Edu - Kinestetik ist ein Kuckucksei!

Die Vorgehensweise kommt einem sehr bekannt vor, wenn man schon längere Zeit im esoterischen - okkulten - sektenähnlichen Bereich tätig ist: Hilfesuchende, verunsicherte Menschen werden mit verständnisvollen, einleuchtenden, sofort durchführbaren, natürlichen, sanften, mühelosen, zeitgerechten, erlebnisbetonten... Methoden eingefangen, um sie zunächst positiv emotional einzustimmen. Ist die "Neu - Gier" erst einmal geweckt, bietet man "Fortgeschrittenen - Kurse" an (zu ebenfalls fortgeschrittenen Preisen), die zu einer höheren Erkenntnisstufe führen sollen. Neue Bedürfnisse werden geweckt, die nur mit anderen Angeboten des gleichen Veranstalters befriedigt werden können. Damit das nicht jeder auf eigene Faust machen kann, schützt man diese Techniken urheberrechtlich.

Das kommt Ihnen tatsächlich bekannt vor? Sie denken sofort an die aktuelle Scientology - Diskussion? Natürlich kann man keinen direkten Vergleich zwischen diesem destruktiven Kult und der Kinesiologie führen, auch wenn dort kultähnliche Merkmale deutlich erkennbar sind. Interessenten werden zunächst darüber im Unklaren gelassen, dass eigentlich eine handfeste esoterische Ideologie, eine fernöstliche Vorstellung eines geheimnisvollen, nicht naturwissenschaftlich nachweisbaren "Energieflusses" dahintersteckt. Es werden Zusammenhänge zwischen Emotionen, bestimmten Muskeln und bestimmten Organen behauptet, die in ihren Grundlagen von der chinesischen Medizin stammen. Auf dem Muskelwiderstand, der durch Störungen des "Energieflusses" entstehen soll, beruht das Diagnosesystem der Kinesiologie, der sehr frag - würdige "Armtest". Nur - davon erfährt erst derjenige, der tiefer einsteigt, der weitere Kurse bucht, der erhebliche Summen an Gebühren zahlt. Zunächst wird unter falscher Flagge gesegelt mit einem blütenweißen Schaffell als Umhang.

Stutzig machen auch (weil Parallelen zu... auf der Hand liegen) die zahlreichen, wissenschaftlich - seriös klingenden Fantasienamen der Methoden und Vertreiber, die alle dem gleichen, rechtlich geschützten Anbieter - Netzwerk entstammen: Touch for Health (Heilen durch Berührung), Brain Gym (Lerngymnastik), Physioenergetik, Energy Training, Energy Life Circle, Movement Dynamics, Behavioral Kinesiologie, Psychologische Kinesiologie oder Kinsesiologisch - Kybernetische Strategie (ein Programm zur Wirtschaftsberatung).

Mit harmlosen, motivierenden, meditativen Bewegungs- und Lockerungsübungen wird vordergründig so getan, als ob dies Kinesiologie sei. Dabei handelt es sich allerdings um alten Wein, der ohne Skrupel in neue Schläuche verpackt wurde. Diese gymnastischen Übungen gehörten vor 25 Jahren oft genug zum Standardrepertoire vieler Lehrer in Bezug auf psychohygienische Auflockerung des Unterrichts und funktionieren selbstverständlich auch ohne ideologischen Hintergrund. Mit erstaunlichem Erfolg bemüht man sich, ein Markenbewusstein beim pädagogischen Konsumenten zu erzeugen. Ähnlich wie bei: Nutella = Schokobrotaufstrich, Tempo = Papiertaschentuch, Tesa = Klebestreifen usw. versucht man zu erreichen, dass gymnastische Übungen mit Kinesiologie gleichgesetzt werden. Das ist unredlich! Inzwischen lasse ich bei amtlichen Fortbildungen zum Thema "Frag - würdige Strömungen in der Pädagogik" (u.a. auch auf Regierungsebene für Seminarleiter und Schulleiter) die Teilnehmer sieben gymnastische Übungen durchführen (um den Tagungsstress zu mindern und die Mechanismen erfahrbar zu machen). Zwei davon stammen aus der Edu - Kinestetik, die übrigen aus dem reichhaltigen Repertoire des früher als "Zimmerturnen" bezeichneten "normalen" Bewegungsprogramms. Ein Unterschied ist nicht erkennbar. Positive Wirkungen sind vorhanden, denn diese Übungen tragen dazu bei, dass das Kind sich selbst und seinem Körper Aufmerksamkeit schenkt, sich auf Bewegungen konzentriert, sich entspannt, Sauerstoff tankt, das Gefühl hat, selbst zu handeln und sich selbst zu helfen usw..

Verschwiegen wird letztendlich auch, wieviel Geld man investieren sollte/ müsste, um die erstrebenswerten Erkenntnishöhen zu erreichen. Nimmt man das aktuelle Verzeichnis des deutschen Betreibers (des amerikanischen Mutterkraken) und addiert, erhält man mühelos Beträge zwischen 15000.- und 20000.- DM!

b) Edu - Kinestetik ist ein Windei!

Auffällig ist, dass viele KollegInnen auf "Edu - Kinestetik - Trip" die mühsam erkämpften Errungenschaften der wissenschaftlichen Lehrerausbildung ohne Zögern über Bord werfen. Dies signalisiert natürlich auch das enorme Bedürfnis nach hilfreichen, schnell wirksamen, einfach durchzuführenden Praktiken für den schwierig gewordenen Schulalltag.

Im Gegensatz zu anderen pädagogischen Neuansätzen (Freiarbeit, Projektunterricht, Praktisches Lernen u.a.), die lernpsychologisch und pädagogisch abgesichert und diskutabel sind, entpuppt sich der edu - kinestetische Untergrund als Treibsand. Zusammenfassend gesagt handelt es sich um ein rein mechanistisches Denkmodell, wenn zur Diagnose aus rein physiologischen Phänomenen auf psychische Befindlichkeiten geschlossen wird. Dies gilt dann ebenfalls für den "Therapiebereich", wenn man durch weitgehend monokausale Einwirkungen auf Muskelspannungen eine Änderung von psychischen Dispositionen erreichen will.

Auf wackligen Füßen steht ebenfalls das verwendete, verführerisch einfache, aber falsche hirnneurologische Bild (von der Zusammenarbeit beider Gehirnhälften), das nicht dem neuesten wissenschaftlichen Stand entspricht.

Zusammenfassend kann man sagen:

- Es handelt sich um eine esoterische Philosophie/ Ideologie: den Holismus (F. Capra, M. Ferguson); dies wird dem Normalinteressenten kaum deutlich und scheint selbst manchen Kritikern zu entgehen, die eine "weltanschauliche Neutralität" bestätigen. Eine nur grobe Durchsicht der entsprechenden Prospekte des Verlags für Angewandte Kinesiologie (VAK) müsste eigentlich jedem die Augen öffnen.

- Irgendwelche Qualifikationen als Voraussetzung für die Ausbildung etwa zum "kinesiologischen Lernberater" sind nicht erforderlich. Die Esoterikpresse bietet dann auch entsprechende Kurse reichhaltig an. Um "Lehrender" zu werden wird vor allem zunächst ein entsprechendes finanzielles Polster benötigt. Später kommen die anfänglichen Auslagen durch die zum Teil unverschämt hohen Kursgebühren der "Lernenden" leicht wieder herein. Mittlerweile gibt es sogar einige LehrerInnen, die hauptberuflich umgeschwenkt sind - sicher nicht zu ihrem finanziellen Schaden.

- Die raffinierte Vermarktungsstrategie wird durch die Schaffung eines Markenbewusstseins deutlich, die in der Übertragung des Wortes "Edu - Kinestetik" etwa auf einfache Bewegungsübungen erfolgt. Auch in Büchern von pädagogischen ErfolgsautorInnen findet man ein fast verschämtes Verstecken der eigentlichen Hintergründe.

- Die Persönlichkeiten des Lehrenden und "Behandelten" werden vernachlässigt. Eine Anamnese (z.B. des Umfelds) findet nicht statt. "Therapiert" wird das Kind als Einzelperson ohne Berücksichtigung z.B. sämtlicher häuslicher Faktoren oder anderer Beziehungsprobleme (mit Lehrern oder Klassenkameraden). Der erhobene Anspruch auf "Ganzheit" (ein wie "Energie" ebenfalls missbrauchtes Modewort) wird dadurch eben nicht erreicht.

- Die Köderung der Interessenten erfolgt mit altbekannten Bewegungsübungen, die "einfachen gymnastischen Übungen entsprechen und deshalb das Körpergefühl positiv beeinflussen können und entspannen. Auch die Konzentrationsfähigkeit kann sich leicht bessern. Ob sie bei Leistungsschwäche, Entwicklungs- oder psychischen Störungen helfen, ist fraglich." (Stiftung Warentest, .a.a.O.) Dadurch wird eine immer tiefere Verstrickung in die Angebotspalette monopolistisch vermarkteter Techniken erreicht; deutlich ist eine starke, zentral gesteuerte Kommerzialisierung;

- Unter Umständen erfolgt ein starker Realitätsverlust bei den Konsumenten bis hin zu pathologischen Zügen;

- Eine starke Abhängigkeit des Konsumenten vom Anbieter ("Gurutum") bzw. der Technik kann entstehen.

- "Die Muskeltestung ist rein subjektiv und kann manipuliert werden. Die wechselnde Muskelspannung ist abhängig von der psychischen Stimmung und der suggestiven Beziehung zwischen Helfer und Patient. Weder der Test noch seine Interpretationen sind standardisiert. Es gibt bis heute keine wissenschaftliche Dokumentation darüber, ob der Test wirklich herausfinden kann, was behauptet wird... Dagegen haben zwei Kontrollstudien, die in amerikanischen Kliniken durchgeführt wurden, und eine deutsche Studie keine der behaupteten Zusammenhänge entdecken können. Fazit der Harvard - Universität: "Angewandte Kinesiologie erweckt den Eindruck eines Salontricks."" (Stiftung Warentest, a.a.O.)

- Es herrscht eine starke Immunisierungstendenz bzw. rigorose Abwehrhaltung gegenüber Kritikern; Merkmale sektenähnlicher/ kultähnlicher Vereinigungen sind auch hier erkennbar.

- Die grundlegenden Behauptungen zur Gehirnphysiologie stimmen nicht mit den gegenwärtigen Erkenntnissen überein. Teilweise wurde unzulässig verfälscht bzw. vereinfacht;

- Die Hauptgefahr besteht nicht darin, was getan, sondern was unterlassen wird!

c) Edu - Kinestetik ist ein faules Ei!

Bezeichnend ist, dass eine gewisse "Gläubigkeit" in die Methode vorausgesetzt wird. Gegenüber Kritikern verhält man sich nicht so, wie es eigentlich im gesamten pädagogischen Bereich bislang üblich war, nämlich in Form einer  sachlichen, argumentativen Diskussion. Vielmehr wird (Parallelen bieten sich an zu ...) sofort in einen persönlichen Angriff übergegangen, der insgesamt unterstellt, dass man eben noch nicht den erforderlichen Erleuchtungsgrad erreicht hat, um sich ein Urteil über... erlauben zu können, dass man Superrationalist und Wissenschaftsfanatiker sei, der nicht aus seinem "Vernunftkorsett" ausbrechen könne. Wie sagte schon Cicero? "Wenn du keine guten Argumente hast - greife deinen Kritiker an!" Inzwischen habe ich von geradezu unglaublichen, aber leider wahren Fällen von Mobbing in Lehrerkollegien gegen SkeptikerInnen bezüglich der Edu - Kinestetik erfahren.

Undenkbar war bislang auch ein handelsrechtlicher Schutz einer pädagogischen Methode!

Fazit der Stiftung Warentest (a.a.O): "Empfehlung: Angewandte Kindesiologie kann als Diagnosemethode nicht empfohlen werden. Auch Edu - Kinestetik und verwandte Verfahren können nicht empfohlen werden."

Letztlich können selbstverständlich die für die jetzigen schulischen Verhältnisse Verantwortlichen nicht aus der Pflicht genommen werden. Wie HEMMINGER (1996) richtig schreibt: "Fachpsychologisch kann die Methode (die Edu - Kinestetik, d. Verf.) weder als theoriefähig gelten noch therapeutisch ernstgenommen werden, doch sie breitet sich als nichtfachliche Alternativmethode zur Zeit unter Lehrern und Heilpraktikern rasant aus. Der Grund liegt wohl darin, dass die Kinesiologie die komplexen pädagogischen und psychologischen Probleme des heutigen Schulunterrichts überschaubar macht und einfache Handlungsweisungen vermittelt. Dadurch werden Zweifel an der eigenen Kompetenz behoben und zumindest subjektiv Handlungsfähigkeit erzeugt. Dass immer mehr Lehrer zu solchen Mitteln greifen, sollte von Fachleuten icht belächelt werden. Der Vorgang weist uns darauf hin, welche Belastungen wir den Lehrern zumuten, die soziale Probleme unserer Gesellschaft und deren psychischen Folgen ständig im Klassenzimmmer reparieren müssen."

Literatur:

FEDERSPIEL K./ LACKINGER KARGER I.: Kursbuch Seele; Köln 1996

HEMMINGER Hansjörg: Aktuelle Trends auf dem Sekten- und Psychomarkt, in: GROSS W. (Hrsg.): Psychomarkt - Sekten - Destruktive Kulte; Bonn 1996

HUND W.: Ein merkwürdiges Ei im pädagogischen Nest: Edu - Kinestetik; in: Bayerische Schule, Heft 4/1997

STIFTUNG WARENTEST: Handbuch: Die Andere Medizin - Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden; Berlin 1996

 

Nach Fertigstellung des Manuskripts erschien der lange erwartete Arbeitsbericht Nr. 290 des bayerischen Staatsinstituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung (ISB, Arabellastr. 1, 81925 München). Das ISB “macht die Erkenntnisse der Forschung und die Erfahrungen der Praxis für die Schule nutzbar und unterstützt das Bayerische Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst bei der Weiterentwicklung des bayerischen Schulwesens. Zu seinen Aufgaben gehören neben der Förderung der pädagogischen Arbeit der Schulen unter anderem die Erarbeitung von Lehrplänen, die Begleitung von Schulversuchen sowie die Untersuchung von Auswirkungen bildungspolitischer Maßnahmen.” (Impressum des Arbeitsberichts)

Veröffentlichungen dieser staatlichen Einrichtung genießen traditionell ein hohes Ansehen aufgrund der fundierten Verbindung zwischen pädagogischer Theorie und Praxis.

Nach einer ausführlichen Schilderung des thematischen Hintergrunds und der Entwicklung von Angewandter Kinesiologie (AK) und Edukinesiologie (EDU - K), der Darstellung der Methode sowie des wissenschaftlichen Hintergrunds erfolgt die Kritik, die in folgendem Fazit endet (S 56):

“Ansatz und Methoden der Edukinesiologie haben von der Angewandten Kinesiologie einzelne Aspekte wie den ganzheitlichen Ansatz, den Energiebegriff, Kenntnisse über Meridiansysteme, bestimmte Reflexpunkte etc. übernommen. Diese “Grundlagen” der östlichen Medizin werden wie Versatzstücke willkürlich mit Begriffen der Neurophysiologie vermischt. Den Erkenntnissen der Neurophysiologie und Neuropsychologie, den für die Erklärung von Lernprozessen wichtigen Wissenschaftsbereichen, wird man damit nicht gerecht. Das Gebäude der Edukinesiologie läßt sich insgesamt nicht als stimmige Theorie bezeichnen. Darüber hinaus ist auch die Anwendung der Methoden nicht systematisch.

Befremdend ist außerdem die Art und Weise, wie die Methode derzeit, in Verbindung mit nicht immer seriösen Vermarktungsstrategien, Verbreitung erfährt und bei Betroffenen nicht erfüllbare Hoffnungen weckt.

Lehrer müssen heute verstärkt nach ganzheitlichen, handlungs- und erlebnisorientierten und die Bewegung einbeziehenden Methoden suchen und sie im Unterricht anwenden. Dies ist ein schwieriges und unterstützenswertes Unterfangen. Esoterisches Gedankengut und simplifizierende Methoden unter dem Deckmantel einer “praktischen Pädagogik” sind dafür kein Ersatz.”

Als Anlage werden dem Arbeitsbericht zwei Gutachten der Universität München zu den neurologischen Grundlagen der EDU - K beigegeben. Zusammenfassende Auszüge daraus:

“Insgesamt kann daher von einer wissenschaftlichen Begründung der Methode im neuropsychologischen oder neurophysiologischen Bereich nicht die Rede sein. Es wird aber durch den Rückgriff auf entsprechende Ausdrücke und die Behauptungen, daß man wisse, wie das Gehirn funktioniere, dieser Anspruch erhoben und dem Leser zu suggerieren versucht.” (apl. Prof. Dr. med. H. Amorosa, Heckscher - Klinik München, Fachklinik für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters)

"...Die Annahme so simpler Kausalzusammenhänge wie der Muskeltest und die Anschaltung zentralnervöser Vorgänge bzw. Hirnregionen sie suggerieren, liegt außerhalb jeden Verständnisses für die komplexe Organisation der Hirnleistung... In dem . Muskeltest liegen erhebliche Gefahren der subjektiven Interpretation...Die Darstellungen des Autors sind neurologisch und physiologisch unhaltbar. Sie stellen eine derartige Simplifizierung und Verfälschung der Vorgänge des zentralen Nervensystems ... dar, dass die Aufnahme so erklärter diagnostischer Techniken zum Umgang mit

Kindern in hohem Maße beunruhigen muß. Wie in vielen vergleichbaren Angeboten wird auch in der Edu - Kinestetik die einfache, mechanistische Vorgehensweise einer therapeutischen Intervention mit eingängigen Begriffen aus Philosophie, Psychologie und Esoterik verbunden....

Die Lösung für die Probleme der Kinder kann nicht von den Lehrern erwartet werden. Sie ist eine Aufgabe der Gesellschaft...Mit dem hier vorgegebenen Denken und Tun werden Menschen erzogen, die An- und Abschalten (...analog der Funktion elektrischer Geräte vorzustellen) als Lösung für Probleme verstehen lernen... Gleichzeitig erlebt sich das Kind durch diese Manipulation als behandlungsbedürftig und nicht in Ordnung...” (Dr. B. Ohrt, Leiterin des Zentrums für Entwicklungsneurologie und Frühförderung der Kinderklinik der Universität München).

                                        (der Artikel erschien - etwas geändert  - im SKEPTIKER Heft 1/1998, dem Organ der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V."  (GWUP)