"Sag' mir deinen Namen - und ich sag' dir, wie du heißt!"

- Methoden des Wahrsagens -

Es gibt eine riesige Anzahl von verschiedenen Methoden, die im Laufe der Menschheitsgeschichte zum "Wahrsagen"/ "Hellsehen" verwendet wurden, z.B.:

Aeromantie: durch atmosphärische Phänomene wie Luft, Himmel;

Alphitomantie: durch Verzehren speziellen Gerstenbrotes;

Austromantie: durch Windstudien;

Axinomantie: durch einen Stein, der auf einer glühenden Axt balanciert;

Belomantie: durch Pfeile

Botanomantie: durch Verbrennen von Wildrosen- oder Eisenkrautzweigen;

Ceromantie: durch Wachsgebilde, die entstehen, wenn man geschmolzenes Wachs in kaltes Wasser gießt;

Chalcomantie: durch die Interpretation der Töne, die beim Anschlagen von Kupfer- oder Messingbecken entstehen;

Chiromantie: durch Deuten der menschlichen Handlinien;

Chresmomantie: durch das Stammeln einer Person in Ekstase;

Chromniomantie: durch Beobachten des Wachstums besonders vorbereiteter ebeln;

Daphnomantie: durch ins Feuer geworfene Lorbeerzweige und die Geräusche, die sie beim Verbrennen erzeugen;

Felidomantie: durch das Verhalten von Katzen;

Floromantie: durch die Beobachtung von Pflanzen;

Gelomantie: durch Interpretation von hysterischem Gelächter;

Geomantie: durch Deuten von Sandformen, - malereien;

Gyromantie: durch das Stammeln eines nach einem wilden Tanz total Erschöpften;

Halomantie: durch das Streuen von Salz in ein Feuer;

Hippomantie: durch die Gangart von Schimmeln bei Prozessionen;

Hydromantie: durch Beobachtung von Quellwasser, in das Gegenstände geworfen werden;

Ichthyomantie: durch Deutung von Fischeingeweiden oder Beobachtung lebender und toter Fische;

I Ging: durch Werfen und Deuten von Schafgarbenstängeln;

Kaffeesatz: durch Deuten des ausgeschütteten Kaffeesatzes;

Katoptromantie: durch im Wasser/ im Spiegel entstehende Bilder;

Kephalomantie: durch Kochen eines Ziegen- oder Eselskopfes;

Kristallomantie: durch Spiegelung von Kristallen;

Lekanomantie: durch die akustische Wirkung von Becken und Schalen;

Lithomantie: durch die Reflexion von Kerzenlicht auf Edelsteinen;

Lychnomantie: durch Beobachtung von drei brennenden Kerzen, die im Dreieck aufgestellt sind;

Macharomantie: durch Schwerter, Dolche und Messer;

Margaritomantie: durch das Verhalten einer Zauberperle in einem zugedeckten Topf;

Metopomantie: durch Deutung der Stirnfalten eines Menschen;

Myomantie: durch Verhalten, Geräusche oder plötzliches Auftauchen von Mäusen und Ratten;

Nephelomantie: durch Wolkenformationen und Wolkenbahnen;

Numerologie: durch Deuten von Zahlen

Oenomantie: durch Farbe, Aussehen und Geschmack von Weinen;

Omphalomantie: durch Betrachtung de eigenen Nabels;

Oneiromantie: durch Deutung von Träumen und nächtlichen Visionen;

Onychomantie: durch den Widerschein von Sonnenlicht auf den Fingernägeln;

Ophiomantie: durch Beobachtung von Schlangen;

Ornithomantie: durch Deuten des Vogelfluges;

Ovomantie: durch Beobachtung der Formen, die sich ergeben, wenn Eiweiß in Wasser tropft;

Phyllorhodomantie: durch die Geräusche von Rosenblättern, die man gegen die Hand schlägt;

Podomantie: durch Beobachtung der Fußsohlen;

Pyromantie: durch Beobachtung des Opferfeuers;

Sciomantie: durch die Größe, Form und wechselnde Erscheinung von Schatten der Toten;

Sclenomantie: durch Phasen und Erscheinungsformen des Mondes;

Sideromantie: durch die Formen, die entstehen, wenn man trockenes Stroh auf heißes Eisen fallen lässt;

Skapulomantie: durch die Kerben am Schulterknochen eines Tieres;

Splanchomantie: durch Betrachten der Eingeweide von Opfern;

Sykomantie: durch Trocknen von Feigenblättern;

Tarot: durch Legen von Karten

Transataumantie: durch Ereignisse, die man zufällig sieht und hört;

Tyromantie: durch das Gerinnenlassen von Käse;

Uromantie: durch die Untersuchung von Urin;

Xylomantie: durch das Deuten von dürren Ästen und Zweigen, die man auf seinem Weg findet, oder auch durch Beobachtung von brennenden Holzscheiten;

Zoomantie: durch Berichte über Fabeltiere, z.B. Seeungeheuer;

usw. usw. (etliche "Wahrsager/ Hellseher" geben hinter der vorgehaltenen Hand zu, dass sie eigentlich die o.a. Hilfsmittel nicht benötigen, dass aber die "Kundschaft den Hokuspokus verlange"!) ([1])

 Viele Kunden von WahrsagerInnen/ HellseherInnen sind "erschlagen", wenn sie aus einer entsprechenden Sitzung kommen und wundern sich:

"Was mir die Frau alles gesagt hat ... und dabei habe ich doch überhaupt nichts von mir erzählt... mein ganzes bisheriges Leben war für die ein einziges, offenes Buch ... und dann wird ja wohl auch das stimmen, was sie mir für die Zukunft vorhergesagt hat...!"

 Die Vorgänge, die bei einer solchen "Lebensberatung" (so wird es meist angepriesen) ablaufen, sind äußerst diffizil und hinterher nur noch in Bruchstücken rekonstruierbar. Allerdings kann man psychologische Mechanismen demonstrieren (und damit auch praktisch erfahrbar und simulierbar machen ([2]), die ganz bewusst eingesetzt werden.

 Der amerikanische Psychologe und Skeptiker Ray Hyman ([3]) formulierte allgemeingültige

"Regeln" für das 'Wahrsagen'

 1. Denken Sie daran, dass der wichtigste Schlüssel für erfolgreiches Charakterlesen das VERTRAUEN ist!

2. Nützen Sie kreativ die letzten statistischen Erkenntnisse, Meinungsumfragen usw.

3. Seien Sie bescheiden in Ihrem Verhalten und mäßig in Ihren Behauptungen!

4. Gewinnen Sie fortschreitend die Mitarbeit des Kunden!

5. Benutzen Sie ein Hilfsmittel wie z.B. eine Kristallkugel, Tarotkarten oder die Handlinien!

6. Halten Sie eine Sammlung von Allgemeinplätzen bereit!

7. Halten Sie Ihre Augen offen!

8. Benutzen Sie die Technik des 'Paraphrasierens'!

9. Lernen Sie, gut zuzuhören!

10. Dramatisieren Sie Ihre 'Kunst'!

11. Erwecken Sie den Eindruck, dass Sie mehr wissen, als Sie sagen!

12. Scheuen Sie sich nicht, bei jeder Gelegenheit zu schmeicheln!

13. Denken Sie an die goldene Regel: Sagen Sie Ihrem Kunden, was er hören will!

Wenn man diese "Regeln" berücksichtigt, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, warum Vorhersagen oder Aussagen von "Wahrsagern" tatsächlich stimmen können - ohne dass man deshalb übersinnliche Kräfte ins Spiel bringen müsste!

 1) SELBSTTÄUSCHUNG

Der Glaube an den Hellseher verfälscht die Erinnerungen unbewusst, bis sie mit dem gegebenen Bild übereinstimmen. Der Kunde macht das selbst wahr, was wahr sein soll. Weil etwas erwartet wird, trifft es ein im Zuge der "Selbsterfüllenden Prophezeiung", die vor allem im negativen Bereich fatalerweise besonders gut "funktioniert".

Wenn etwas nicht genau so eintrifft, wird es soweit zurechtgebogen, bis es "stimmt" ("Eigentlich hat er mir ja einen Verkehrsunfall vorausgesagt, aber ein Sturz von der Leiter ist ja was Ähnliches!")

Das Netzwerk an zusammenwirkenden Faktoren hat GEUE ([4]) anschaulich beschrieben. Darin findet man die bei Okkulttäuschungen immer wieder zu beobachtenden Aspekte:

 "Frage: "Warum haben die Besucher von Geisterbeschwörungen bewegliche Figuren gesehen, obwohl diese möglicherweise überhaupt nicht erzeugt wurden?"

1. Wir sehen, was wir uns aussuchen.

Unser Nervensystem ist gegen Überlastung geschützt, damit es nicht durch Reizüberflutung die Orientierung verliert. Der Blick schweift also von Punkt zu Punkt, momentan Unwichtiges wird übersehen. Die Unterscheidung nach dem Kriterium der Bedeutsamkeit hat viele Ursachen (Ausschaltung von Gefahren, Erkennen von Chancen...). Es gibt Erwartungshaltungen, welche die Sehgewohnheiten beeinflussen. Wenn ein Geist erwartet wird, rechnet das Gehirn mit einer entsprechenden eventuellen Wahrnehmung.

 2. Wir sehen schneller, was uns gefühlsmäßig anspricht.

Unsere Aufmerksamkeit erhöht sich, wenn wir bestimmten Dingen sehr stark positiv oder negativ gegenüberstehen. Wer wundergläubig ist, erwartet bereitwillig das Auftreten übersinnlicher Phänomene, der engagierte Kritiker bemüht sich, jedes Anzeichen in dieser Richtung möglichst früh zu erkennen, um seinem Hintergrund auf die Spur zu kommen.

3. Wir leben in der Welt, die wir kennen.

Die Vorstellungen der Zeit prägen die Bilder, die wir erwarten. Geister sehen zu jeder Zeit anders aus. Erfüllt jemand diese Bedingungen und produziert ein Phantom nach Modegeschmack, wird dies glaubwürdig. Als noch kein Film bekannt war, musste ein Geist auch weniger Beweglichkeit entfalten als im Kinozeitalter.

4. Je höher die Belastung, um so geringer der Widerstand.

Durch langes Warten zermürbt, von Monotonie ermüdet, wird jede Abwechslung bereitwilliger aufgenommen und unkritischer überprüft. Dunkelheit, monotone Stimmen, große Pausen, mehrere erfolglose Beschwörungsversuche, langes Ausharren vor Beginn der Séance dämpfen und blockieren die Aufmerksamkeit.

5. Gifte verändern den Realitätssinn.

Alkohol, Räucherwerk und Narcotica benebeln den wachen Alltagsverstand, engen den Bereich dessen ein, was uns auffällt und mobilisieren Trugbilder. Wie der angeheiterte Kneipenbesucher auf dem Heimweg in einem harmlosen Busch bei richtiger Beleuchtung einen Räuber "sieht", so lässt sich entsprechend die Bereitwilligkeit zur Wahrnehmung überirdischer Wesen vergrößern.

 6. Jedes Bruchstück wird sinnvoll ergänzt.

Damit wir überleben können, hat es die Natur eingerichtet, dass auch die grobe Ahnung eines Gegners ausreicht, ihn vollständig zu erkennen; den Rest des Feindes, der nicht zu sehen ist, vervollständigen wir automatisch, es muss uns nur folgerichtig genug erscheinen. Bei ungünstigen Lichtverhältnissen bei einer Geisterbeschwörung werden die nötigen Zusammenhänge entsprechend selbst geschaffen.

 7. Unsere Umgebung bestimmt die Tendenz unserer Urteile.

Das Verhalten der Mitmenschen auf bestimmte Gegebenheiten beeinflusst auch unsere Reaktion. Die begeisterte Zustimmung, die andächtige Verehrung, das ehrfürchtige Staunen gehen selbst dann nicht spurlos an uns vorüber, wenn wir anderer Ansicht sind, verunsichern uns oder verstärken den Widerspruch. Im Normalfall kann "ja nicht völlig falsch sein, was von so vielen anderen Menschen so vollkommen richtig akzeptiert wird".

 Obwohl bisher immer nur von "Geisterbeschwörungen" die Rede war, treffen etliche der angeführten Punkte auf viele andere Bereiche ebenso zu. Beim "Wahrsagen/ Hellsehen", beim Horoskopieren, bei PSI - Vorführungen jeglicher Art (vor allem auf einer Bühne), bei Geistheilern usw. sind immer wieder Mechanismen der Selbsttäuschung zu finden, denen man sich nie völlig entziehen kann. Eine Sensibilisierung dafür ist allerdings erreichbar, wenn man weiß, worauf man zu achten hat (aber auch dann merkt man es oft erst hinterher!). 

GEUE (a.a.O.) zeigt die Zusammenhänge an einem Beispiel detaillierter auf, was aber jederzeit auf die o.a. Bereiche übertragen werden kann:

* Mit großem Aufwand kündet der Beschwörer seine Attraktion in der Öffentlichkeit oder zumindest interessierten Bevölkerungskreisen an (Punkt 1).

* Es versammeln sich Anhänger, Neugierige, gelegentlich auch engagierte Kritiker (Punkt 2).

* "Man" weiß, was zu erwarten ist (Punkte 3 und 7)   und

* sieht gespannt den kommenden Ereignissen entgegen. Entweder gelangen die Teilnehmer der Sitzung durch ein Netz von Räumen, die dekoriert sind mit entsprechenden Symbolen wie Totenschädeln etc. und mit Räucher-pfannen bestückt wurden (Punkt 5)

* an den eigentlichen Ort des Geschehens, oder man betritt die Räumlichkeit umgehend; auch in diesem Fall fehlt es nicht an der Verabreichung von Punsch und/ oder dem Ritual des Räucherns mit Weihrauch oder Pharmazeutika (Punkt 5).

* Meist vergeht viel Zeit, bis mit der Zeremonie begonnen werden kann. Das Licht verlöscht weitestgehend, nur die monotone, konzentrierte Stimme des Beschwörenden bleibt zu hören; erste Versuche schlagen oft fehl (Punkt 4).

* Inzwischen ist eine Stimmung im Raum entstanden, der sich die meisten nicht entziehen können und/oder wollen (Punkte 3 und 7),

* immer häufiger glauben die Anwesenden erste Manifestationen zu erleben (Punkte 1,2,5 und 6).

* Die im optimalen Augenblick erscheinende Gestalt erfüllt dann so stark die mittlerweile angestauten Erwartungen, dass man in positiver Parteilichkeit alle fehlenden Eigenschaften des Geistes in der Vorstellung ergänzt, was durch die Schilderungen der anderen Sitzungsteilnehmer bestätigt wird (Punkte 6 und 7).

 Niemand möge sagen, dass solche Mechanismen zwar beim Orakel in Delphi oder sonst im Altertum in Perfektion angewandt wurden, aber in der heutigen Zeit nicht mehr aktuell wären!

Liest man die "exakten, objektiven" Protokolle, die Parapsychologen (oder zumindest solche, die sich dafür halten/hielten) bei PSI - Untersuchungen angefertigt haben, so findet man genau diese Aspekte z.B. bei der detailliert beschriebenen Anfertigung von "Gedankenfotos" durch den Amerikaner Ted Serios (extrem lange Dauer der Sitzungen mit zumeist Paragläubigen, bei denen der Alkohol in Strömen floss, zunächst ohne Ergebnisse) oder bei den Telekinese - "Experimenten" des Franzosen Girard, die nach der Beschreibung von James Randi unglaubliche kulinarische Festivitäten gewesen zu sein scheinen, bei denen dann gleichsam so nebenbei die sensationellen telekinetischen "Verbiegungen" abfielen. Auch beim Paradebeispiel Uri Geller sind etliche Punkte geradezu lehrbuchhaft zu erkennen.

 Ohne Systematik einige psychologische Effekte näher:

 Der Mitläufer - Effekt

Auch "Bandwagon - Effekt" genannt nach dem Wagen in einem Festzug, auf dem sich die Musikkapelle befindet und in dem deshalb jeder gerne mitfahren würde. Es ist ein urmenschlicher Zug, auf der Seite des Siegers sein zu wollen, weil man sich dadurch Vorteile erhofft (deutlich vor allem im politischen Bereich in bezug auf Wahlprognosen!). Im okkulten Bereich möchte man gerne, dass eine Vorhersage wahr wird, man möchte auch zu denen gehören, die schon ein paranormales Erlebnis hatten, die in einem früheren Leben schon mal Piratenbraut waren...

 Der "Aschenputtel - Effekt"

Mit diesem Begriff hat MEIER ([5]) das im Alltag ungeheuer vielfältige Prinzip der "selektiven Wahrnehmung" umschrieen wegen des Märchenzitats: "...die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen..."

"Nachdem der Empfänger den Wahrsagetext "geprüft" hat, fängt er bewusst oder unbewusst damit an, diesen zu "sieben". Vermeintliche Treffer legt er säuberlich ins "Erinnerungs- Töpfchen", die "danebengeratenen" Aussagen verschwinden im "Kröpfchen"; sie werden einfach "geschluckt" und vergessen! Dabei spielen unsere sogenannten assoziativen Gedächtnismechanismen eine große Rolle. Eine Aussage wird mit "Ähnlichkeiten" im bisherigen Erleben und Erinnern des Empfängers verglichen. Wenn diese Aussage nun entfernt an eine Situation erinnert, die irgendwann einmal erlebt wurde, ist die Chance sehr groß, dass dies als "Treffer" eingestuft wird."

Der Satz "Etwas Wahres ist schon dran..." wird schnell zu einer "äußerst treffenden Vorhersage" umgemogelt. Nicht nur das, was ganz offensichtlich (akustisch oder optisch) fehlt, wird ergänzt, sondern selbstverständlich auch der Sinngehalt des Wahrgenommenen.

"Man sieht das, was man sehen will!"

"Man hört das, was man hören will!"

"Man glaubt das, was man glauben will!"

"Aus der Fülle der Reize und Informationen, die aus unserer Außen- und Innenwelt stammen, konstruiert die Psyche eine individuelle Wirklichkeitsauffassung, die dem Menschen in Anbetracht seiner gegebenen Möglichkeiten und der aktuellen Situation eine ausreichende Lebensanpassung ermöglicht. Zu diesem Ziele verwendet die Psyche magische Methoden: sie setzt Beziehungen, wo "objektiv" gesehen keine sind, hebt relevante Informationen hervor und lässt andere verschwinden, sie verleiht Sachverhalten Bedeutung und Sinn, die ihnen "objektiv" nicht zukommen und blendet "objektive" Wahrheiten aus, wenn sie die Stimmigkeit der aktuellen Wirklichkeitsauffassung stören.

Wir wollen . festhalten, dass die Psyche die lebensnotwendige Tendenz hat, Ordnung, Bedeutung und Sinn zu erzeugen und dass sie dabei Wirklichkeitsauffassungen bildet, die in häufig nur sehr beschränktem Maße den "tatsächlichen" Verhältnissen entsprechen.

In diesen Zusammenhang gehören auch die Phänomene des von der Psychoanalyse beschriebenen Wiederholungszwanges und der sich selbst erfüllenden Prophezeiung... In der Regel laufen die Wirklichkeitsarrangements so subtil, unbewusst und konsequent ab, dass wir sie nur in Ausnahmefällen und bei großer innerer Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit feststellen können." [6]

Zum allumfassenden Bereich der selektiven Wahrnehmung gehört unter anderem auch ein "Balsam - Effekt": "Beurteilungen durch andere, die der Selbsteinschätzung zuwiderlaufen, machen sich Menschen um so bereitwilliger zu eigen, je günstiger sie in deren Licht erscheinen. Gerade in astrologischen Beratungsstunden wird kübelweise Balsam für die Seele verstrichen." [7]

 Um die ungeheure Datenflut (pro Auge und Sekunde allein 200 Millionen Bit) bewältigen zu können, muss ausgesiebt werden und zwar mit Blickrichtung auf das Regelmäßige, auf Zusammenhänge, Ähnlichkeiten, das Wahrscheinliche.

"Mit einer Behändigkeit, welche die von Politikern weit übertrifft, nimmt unsere Wahrnehmung einen Aspekt fürs Ganze und vernachlässigt einen anderen, der sich gleichfalls anböte. Hunderte von experimentellen Nachweisen dafür liefert die Neurophysiologie." [8]

Das "true - believer - syndrom":

MÜLLER ([9]) stellt die Fragen, was es sei, das den Menschen entgegen aller Vernunft an das Unglaubliche glauben lässt. Wie ein sonst normales Individuum von einer Phantasie, einem Schwindel so überzeugt sein kann, dass es selbst nach seiner Aufdeckung bei hellstem Tageslicht weiterhin davon überzeugt bleibt - ja, möglicherweise noch überzeugter ist als vorher.

Dieses Phänomen ist die größte Hilfe für betrügerische Medien, es tritt aber auch im Alltag auf:

"Wir tun alles, um ein einmal erworbenes und uns Sicherheit verleihendes Gedankengebäude aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Je mehr unser Gedankengebäude, unsere Überzeugungen, Einstellungen, Hoffnungen usw. angegriffen und bedroht werden, je mehr unsere Sicherheit und unser Selbstwertgefühl verletzt werden, um so mehr wehren wir den Angreifer ab, was eben hin bis zu seiner Verdrängung und Verleugnung geht...Solange uns eine bestimmte Überzeugung wichtig ist, werden wir immer die Tendenz haben, widersprechende Faktoren abzuwehren...Wir sehen aber in dieser sicherheitsbewahrenden Haltung des Menschen, nach der "nicht sein kann, was nicht sein darf", eine der Hauptursachen dafür, dass er immer wieder Täuschungen unterliegt, ja sogar selbst fördert, ohne sich dessen bewusst zu sein."

 2) ZUFALL

Zufällige Übereinstimmungen sind bei der Vielzahl von Prophezeiungen immer zu erwarten. "Treffer" werden (in den Medien und bei uns selbst!) hochgejubelt, Fehler unterschlagen.

3) VIELDEUTIGKEIT

"Prophezeiungen" sind so allgemein gehalten, dass man sie auf alle möglichen Ereignisse beziehen kann. Beispiele aus der Geschichte sind allgemein bekannt. Man spricht hier auch vom "Barnum - Effekt" (benannt nach dem berühmten Zirkusdirektor): "Ein bisschen für jeden!"

Es gibt ganze Listen von vagen, mehrdeutigen Allerweltsfloskeln, die so gut wie nichts ausschließen und von den meisten Menschen als "für mich zutreffend" bezeichnet werden: "rechtschaffen - aufrichtig - herzlich - anpassungsfähig - Sinn für Humor - einfühlsam - empfindungsfähig - freiheitsliebend - aktiv - praktisch - angenehm - ..."

In Kombination mit "wahrscheinlich - möglich - könnte - dürfte - eher - ..." ergeben sich eine Unzahl von "stimmigen" Aussagen.

Lesen Sie folgenden Text (nach HYMAN, a.a.O.) und entscheiden Sie, ob diese Beschreibung auf Sie persönlich zutrifft.

Sie sind in Ihrem Verhalten und Ihrer Beziehung zu anderen Menschen völlig normal. Sie bewältigen die Dinge ohne große Mühe. Die Menschen mögen Sie, und Sie sind anderen oder sich selbst gegenüber nicht übermäßig kritisch eingestellt.

Sie sind weder übermäßig förmlich noch allzu individualistisch.

Ihre Stimmung ist meist optimistisch, Sie verfügen über Schaffenskraft und Sie fühlen sich nicht von Phasen der Depression, von psychosomatischen Krankheiten oder nervösen Symptomen beeinträchtigt.

Diesen Text legte HYMAN seinen Studenten vor, zusammen mit einer detaillierten Charakterstudie, die jeweils von Psychologen erstellt worden war. Die Studenten fanden zu 57 % den allgemeinen Text "für mich passender" als die fundierte psychologische Studie!

 Einige "Universal - Antworten" für den Hellseher:

- "Ich sehe in der nächsten Zeit eine gewissen Gefahr für Sie, eventuell durch einen Unfall. Seien Sie also vorsichtig in den nächsten Wochen, dann können Sie größeren Schaden vermeiden!"

- "In der nächsten Zeit wird Sie eine Nachricht erreichen, welche Sie zunächst in ihrer Bedeutung nicht richtig ein-schätzen."

- "Sie werden in der nächsten Zeit eine Ortsveränderung erwägen, welche mit persönlichen Veränderungen verbunden ist. Überlegen Sie vorher gut, ob nicht die negativen Folgen die positiven überwiegen!"

- "In bezug auf Ihre Gesundheit stehen Ihnen Gefährdungen bevor. Sie können Sie jedoch abwenden, wenn Sie die Augen offen halten und bewusst leben!"

- "Sie werden in der nächsten Zeit mit einer Person in Kontakt kommen, an die Sie schon lange nicht mehr gedacht haben. Seien Sie dieser Person gegenüber etwas zurückhaltend und nicht zu vertrauensselig..."

4. BEWUSSTE TÄUSCHUNG

Alle "Hellseher", die öffentlich auftreten, arbeiten mit unlauteren Tricks. Dies unterscheidet sie von Zauberkünstlern, welche sich als "Mentalisten" bezeichnen, aber nicht im vollen Ernst behaupten, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen, die man z.B. bei Privataudienzen gegen Bezahlung einsetzen könne. Trotz der aufgrund der elektronischen Medien angeblich gewachsenen Skepsis von Zuschauern gegenüber "unglaublichen Effekten" ist es auch heute noch erstaunlich und erschreckend leicht, die Illusion des Wahrsagens/ Hellsehens/ der Telepathie oder Telekinese als "echt" zu verkaufen, wenn man nur mit der entsprechenden Selbstsicherheit (und oft auch Gewissenlosigkeit) agiert.

Tricks, mit denen ein Hanussen zur Zeit des Dritten Reiches ganze Theatersäle zur Hysterie brachte, finden sich heute in Kinderzauberkästen (siehe dazu ein Beispiel in Lit. 2).

Sowohl die Tricktechnik, als auch die verwendeten Apparaturen, sind mittlerweile derart subtil verfeinert worden, dass es auch für den Trickfachmann oft schwierig ist, eindeutig anzugeben, auf welche Weise ein Effekt erzielt wurde.

 5. GUTE MENSCHENKENNTNIS

"Treffer" kommen zustande aufgrund der Einschätzung der Kunden in bezug auf Kleidung, Andeutungen, körperlichen Merkmalen, Verhaltensweisen...

Für einen scharfen Beobachter gibt es viele Kleinigkeiten, die mit einigermaßen großer Sicherheit bestimmte Rückschlüsse erlauben.

Daneben beherrschen viele Wahrsager die Kunst des "Muskellesens" ('Cumberlandismus'), wobei unbewusste Muskelbewegungen z.B. im Gesicht mit erstaunlicher Treffsicherheit erkannt und gedeutet werden können. Grundlage ist hierbei der sog. "Carpenter - Effekt" ([10]).

Wenn der Klient "ja" oder "nein" denkt, führt er unbewußt minimale Kopf- bzw. Augenbewegungen aus, die für einen geschulten Menschen erkennbar sind!

Lesen Sie den folgenden Text zunächst durch und machen Sie sich anschließend (bevor Sie weiterlesen) Gedanken zur Interpretation dieses geschilderten Eindrucks:

Eine junge Frau (Ende 20, Anfang 30 Jahre alt) kommt zur Wahrsagerin.

Sie trägt teuren Schmuck, einen Ehering und billige schwarze Kleidung.

An ihren Füßen hat sie Schuhe, die laut momentaner Werbung für Leute mit Fußproblemen geeignet sind.

Was könnte eine Wahrsagerin allein aus diesen wenigen Beobachtungen entnehmen?

Die (wirkliche) Wahrsagerin nahm an:

- Sie kommt wie die meisten weiblichen Klienten wegen Liebes- oder Finanzproblemen.

- Die schwarze Kleidung und der Ehering lässt vermuten, dass kürzlich ihr Mann starb.

- Der teure Schmuck sagt, dass es ihr während der Ehe finanziell gut ging, aber die billige Kleidung lässt schließen, dass ihr Mann sie finanziell schlecht gesichert zurückließ.

- Die Gesundheitsschuhe sagen aus, dass sie jetzt mehr steht, als sie es gewöhnt war, dass sie also wahrscheinlich eine Arbeit annehmen musste.

 Die Wahrsagerin folgerte also scharfsinnig (und richtig!):

"Die Frau hat einen Mann, der ihr einen Antrag gemacht hat. Sie will ihn heiraten, um ihre wirtschaftliche Position zu verbessern, hat aber noch Bedenken, weil ihr Mann erst kurz gestorben ist."

Die Hellseherin sagte ihr, was sie hören wollte:

Dass es richtig ist, ohne Zögern zu heiraten!

 6. WAHRSCHEINLICHKEIT

Es werden mittlerweile ununterbrochen in den Medien Meinungsumfragen, Trends, Statistiken, psychologische Wahrscheinlichkeiten veröffentlicht. Wer hier die Augen aufmacht, kann zu vielen Lebensbereichen Aussagen machen, die mit hoher/ höchster Wahrscheinlichkeit eintreffen.

Neben allgemeinen gesellschaftlichen/ politischen/ wirtschaftlichen Trends gibt es aber auch eine hierarchische Präferenz bei persönlichen Problemen.

Ein "Wahrsager" täte gut daran, wenn ein Kunde zu ihm kommt, nach folgender Rangfolge vorzugehen:

1. SEXPROBLEME

1.1 unverheiratet

Mann - Frau - Verlobung - Heirat - Persönliche Erscheinung - Minderwertigkeitskomplexe

1.2 verheiratet

Ehemann - Ehefrau - Kinder - Verwandte

2. GESUNDHEIT

2.1 Eigene Gesundheit

pathologisch - psychologisch

2.2 Gesundheit anderer

Angehöriger - Freund

3. GELD

3.1 Verlust

zu Hause - geschäftlich - Ratenzahlung - Reisen - Schulden

3.2 Gewinn

Spekulation - Investition - Grundstücke - Darlehen - Ersparnisse - Diebstahl

 LANG ([11]) bringt das Verhältnis zwischen Klient und "esoterischem Lebensberater" komprimiert auf den Punkt:

 "Zwischen Berater und Klient spielt sich dasselbe ab, wie zwischen einem Schamanen und seinem Stamm: Der Schamane erkennt - wie ein guter Psychologe - die Bedürfnisse des Stammes und einzelner Stammesmitglieder und verspricht, sie zu befriedigen. Der Stamm bzw. der einzelne Stammesangehörige glaubt dem Wundermann, macht ihn zu seinem Führer und vertraut ihm. Der Schamane zeigt Proben seiner Kraft und befriedigt damit z.T. die Bedürfnisse des Stammes bzw. eines Stammesmitgliedes. Der Stamm oder ein einzelner bewundert das Können des Schamanen, dankt ihm und verspricht ihm Gehorsam und Treue. Die Rückmeldung des Stammes und dessen Vertrauen steigern die Fähigkeiten des Schamanen noch. Der Stamm verlässt sich immer mehr auf den Schamanen, dass er auch künftig helfen wird usw.: ein Rege-kreis ist entstanden, der automatisch die Rollen verteilt und in dem sich die Beziehungen zwischen Schamane und Stamm abspielen...

...Auf diese Weise schafft sich der Berater einen Nimbus, der den Klienten gläubig und vertrauensselig macht. Die typische Kommunikation zwischen Berater und Klient spielt sich in einem "völlig kritikfreien Raum" ab... Für manche wird der Berater zu einer Art Beichtvater..."

 Jeder, der engen Kontakt hatte mit Menschen, die durch den Besuch bei Wahrsagern/ Hellsehern in große persönliche Nöte gerieten, kann die obigen Aussagen voll bestätigen.

Vor allem die Neigung zum Größenwahn und zum Realitätsverlust scheint momentan bei einzelnen selbsternannten Nachfolgern eines bekannten Scharlatans aus den 30er Jahren verbreitet zu sein (Hand in Hand mit finanzieller Raffgier unter skrupelloser Ausnutzung der persönlichen Nöte und Sorgen anderer Menschen).

(siehe dazu: [12] )


[1] erweitert nach: TIME - LIFE - Bücher: Wahrsagungen und Prophezeiungen; Amsterdam 1988

[2] HUND W.: Okkulte Phänomene - erfahren und hinterfragen; Mülheim 1991, Verlag an der Ruhr

[3] HYMAN R. in: THE ZETETIC, 2/ 1977

[4] GEUE Bernhard in: "Magische" Welt - Zeitschrift für angewandte Tricktechnik und Wahrnehmungstäuschung, Heft 2/1982

[5] MEIER Harry in: "Magische" Welt - Zeitschrift für angewandte Tricktechnik und Wahrnehmungstäuschung, Heft 1/1989

[6] MÜLLER Lutz: Die Wiederkehr des Magischen; in: Psychologie heute, 11/ 1984

[7] WIESENDANGER H.: Warum die Sterne nie lügen; in: Psychologie heute; 8/1988

[8] BRÜGGE Peter: Zum Überleben zu tüchtig?, in: DER SPIEGEL 36/1990)

[9] MÜLLER Lutz: Para, Psi und Pseudo: Parapsychologie und die Wissenschaft von der Täuschung; Berlin, 1980

[10] HUND W.: Alles fauler Zauber? Okkulte Phänomene - was steckt dahinter? Mülheim, 1988 (Verlag an der Ruhr)

[11] LANG Rudolf: Aberglaube? Fragwürdige Versuche zur Daseinsbewältigung- eine aktuelle psychologische Untersuchung; Evang. Zentralstelle f. Weltanschauungsfragen, Stuttgart, Orientierungen und Berichte Nr. 15 (I/1988)

[12] WIMMER W.: Wie man Hellseher entlarvt - Der Fall Hanussen III, München 1976 (Dokumentations - Edition 9 der Arbeitsge-meinschaft f. Religions- u. Weltanschauungsfragen)